{"id":8081,"date":"2015-10-31T12:04:42","date_gmt":"2015-10-31T09:04:42","guid":{"rendered":"https:\/\/efk.epcc.ee\/?p=8081"},"modified":"2015-10-31T12:04:42","modified_gmt":"2015-10-31T09:04:42","slug":"im-licht-der-musikalischen-avantgarde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/efk.epcc.ee\/en\/2015\/10\/im-licht-der-musikalischen-avantgarde\/","title":{"rendered":"Im Licht der musikalischen Avantgarde"},"content":{"rendered":"<p>Ein spannungsgeladenes Projekt ist das allemal, die Kl\u00e4nge des skandaltr\u00e4chtigen in die Musik sich fl\u00fcchtenden genialen Melodikers und Psychopathen Carlo Gesualdo (1561-1613) samt seiner K\u00fchnheiten in zeitgen\u00f6ssischen Werken zu spiegeln. Es ist ja kein einfacher Unterfangen, die musikhistorische Bedeutung des Prinzen von Verona zu beurteilen. Was der an ungew\u00f6hnlichen Klangverbindungen, Wechsel der Tonarten und exzessiver Chromatik\u00a0 seinen Werken mit auf den Weg gab, st\u00f6\u00dft auf widerspr\u00fcchliche Urteile bei Autoren des 19. Jahrhunderts. Da ist von Unauff\u00fchrbarkeit die Rede, w\u00e4hrend seine Werke im Licht des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt durch Paul Hindemiths Vorwort in seinen Madrigalen und Igor Strawinskys Bem\u00fchungen (Orchesterbearbeitung der Madrigale und Rekomposition dreier Madrigale \u201eMonumentum pro Gesualdo di Venosa ad CD annum l960\u201c), einer Wiederentdeckung seines Schaffen den Weg ebnete. F\u00fcr einige Komponisten sei Gesualdo Vorbild und diene \u2013 so Franz Hummel \u2013 durch seine Vita als Stoff f\u00fcr eine Oper. Dass man ihn die Rolle eines Experimentators zuweist (so Riemann), mag noch dahingehen. Ihn jedoch als Manieristen abzustempeln (Carl Dahlhaus) erscheint wohl gewagt. Schon mag eine Rehabilitierung als musikalischer Erneuer f\u00fcr eine zeitgerechte Qualifizierung sinnvoller sein. Grund genug f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Komponisten, im Stil von Gesualdos vermeintlicher Modernit\u00e4t &#8211; eine ins Hochdramatische gesteigerte klangliche Physiognomie &#8211; auch der erotischen Momente wegen zu komponieren (Salvatore Sciarrino, Klaus Huber). Dass des Renaissancekomponisten Gesualdo vierhundert Jahre alten klanglichen Vorr\u00e4te noch l\u00e4ngst nicht bis ins letzte ausgelotet sind, nehmen der Este Erkki-Sven T\u00fc\u00fcr und der r\u00fchrige Australier Brett Dean zum Anlass, sich von der \u00e4sthetischen Brisanz und dem harmonischen Furor seiner polyphonen Madrigale inspirieren zu lassen.<br \/>\nSo komponierte der Australier Dean Brett f\u00fcr das Huntington Festival 1997 \u201eCarlo\u201c, und zwar in der urspr\u00fcnglichen Besetzung f\u00fcr 15 Solostreicher, Sampler und bespielter Kassette. Die Aufnahme von ECM wurde allerdings nicht via vorproduziertem Band realisiert, sondern live produziert mit Vokalisten.\u00a0 Das Entr\u00e9e zu \u201eCarlo\u201c erfolgt zun\u00e4chst mit \u201eGesaldo pur\u201c, und zwar mit dem Choral \u201eMoro lasso\u201c aus dem 6. Madrigalbuch in der von T\u00f6no Kaljuste transkribierten Fassung f\u00fcr Streichorchester. Sukzessive \u00f6ffnen sich in jeweils unterschiedlichen Tempi, differenzierter Dynamik und verzerrter Gesten die klanglichen Welten des 20. Jahrhunderts. Immer wieder erfolgen R\u00fcckblenden in die Welt Gesualdos. W\u00e4hrend der Transfers ins Moderne zwischen den zeitlichen Ebenen \u00fcbernehmen Gesualdos Madrigale die Funktionen von Einfl\u00fcsterungen, und zwar als eine Reduktion von Ger\u00e4uschen des Atems. Das steigert sich zu dramatisch hochgezogener Intensit\u00e4t, stellvertretend f\u00fcr das, was sich in der Mordnacht am 26.Oktober 1590 zu getragen hat als Gesualdos Frau Maria d\u2019Avolos und ihr Geliebter, Don Fabriio Carafa, Herzog von Andria, um die Ecke gebracht wurden.<br \/>\nErkki-Sven T\u00fc\u00fcr geh\u00f6rt neben Arvo P\u00e4rt zu den international bekanntesten estnischen Komponisten der Gegenwart. F\u00fcr Theoretiker wolle er nicht schreiben, mag auch seine neueste vektorielle Schreibweise an mathematischen Operationen erinnern, wo Zahlenreihen und Intervallfolgen (Ketten) die kompositorische Gestalt definieren. Im \u00dcbrigen komme es ihm auf das Verh\u00e4ltnis zwischen geistiger und emotionaler Energie an, ebenso auf die M\u00f6glichkeiten, diese zu lenken, zu konzentrieren, zu liquidieren und sich wieder ansammeln zu lassen (Vgl. MGG, Band 16, Spalte 1155). Diese kompositorischen Vorstellungen flie\u00dfen auch in \u201eL\u2019ombra della croce\u201c (2014) f\u00fcr Streichorchester ein \u2013 zugeeignet dem ECM Produzenten Manfred Eicher. Die Komposition greift auf Gesualdos Motette \u201eO crux benedicta\u201c zur\u00fcck, die T\u00fc\u00fcr in einer ergreifenden Version f\u00fcr Streichorchester kreiert hat. Die Ann\u00e4herung an Gesualdo geschieht in T\u00fc\u00fcrs 2015 entstandenem \u201eL\u2019ombra\u2026 mit gro\u00dfer w\u00fcrdiger Ruhe, wof\u00fcr auch das Ambiente der Methodistenkirche Tallinn der spirituellen Komponente den ad\u00e4quaten Klangraum abgibt.<br \/>\nIn T\u00fc\u00fcrs rhythmisch pulsierender Komposition \u201ePsalmody\u201c, die mehrmals bearbeitet wurde und in der Einspielung einer Version von 2011 zu h\u00f6ren ist, lauscht man fantasiereich sich darstellenden harmonischen \u00dcberraschungen. Gut durchh\u00f6rbar sind die klanglichen Schichten. Die Aufnahmetechnik sorgt f\u00fcr eine klare Ablichtung der kontrastreichen Organismen sowie guter r\u00e4umlicher Staffelung im kirchlichen Areal. Gro\u00dfes Lob verdienen der Estonian Philharmonic Chamber Choir und das Tallin Chamber Orchetra unter der Stabf\u00fchrung von T\u00f6nu Kaljuste. Die Komponisten Erkki-Sven T\u00fc\u00fcr und Brett Dean bereichern das Booklet jeweils mit werkspezifischen Anmerkungen. Eine deutsche \u00dcbersetzung gibt es hierf\u00fcr nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein spannungsgeladenes Projekt ist das allemal, die Kl\u00e4nge des skandaltr\u00e4chtigen in die Musik sich fl\u00fcchtenden genialen Melodikers und Psychopathen Carlo Gesualdo (1561-1613) samt seiner K\u00fchnheiten in zeitgen\u00f6ssischen Werken zu spiegeln. Es ist ja kein einfacher Unterfangen, die musikhistorische Bedeutung des Prinzen von Verona zu beurteilen. 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