{"id":7617,"date":"2015-05-19T21:04:49","date_gmt":"2015-05-19T18:04:49","guid":{"rendered":"https:\/\/efk.epcc.ee\/2015\/05\/berlin-konzerthaus-hommage-an-arvo-part-2\/"},"modified":"2015-05-19T21:04:49","modified_gmt":"2015-05-19T18:04:49","slug":"berlin-konzerthaus-hommage-an-arvo-part","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/efk.epcc.ee\/en\/2015\/05\/berlin-konzerthaus-hommage-an-arvo-part\/","title":{"rendered":"BERLIN\/ Konzerthaus: HOMMAGE AN ARVO P\u00c4RT"},"content":{"rendered":"<p>Berlin\/ Konzerthaus: Hommage an ARVO P\u00c4RT, 19.05.215<br \/>\nEs ist ein \u201eGastgeschenk\u201c besonderer und besonders ergreifender Art: Toomas Hendrik Ilves, Pr\u00e4sident der Republik Estland, bringt anl\u00e4sslich seines Staatsbesuchs in Berlin den gr\u00f6\u00dften Komponisten seines Landes mit: Arvo P\u00e4rt. Au\u00dferdem diejenigen, die mit seiner Musik am besten vertraut sind: den Estnischen Philharmonischen Kammerchor und das Kammerorchester Tallinn unter der Leitung von T\u00f6nu Kaljuste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eHommage an Arvo P\u00e4rt zum 80. Geburtstag des Komponisten\u201c so der Titel, an dem vier seiner bedeutendsten, weltweit bekannten Werke im Konzerthaus Berlin zu h\u00f6ren sind: Salve Regina, Adam\u2019s Lament, Cantus in memoriam Benjamin Britten und Te Deum.<br \/>\nArvo P\u00e4rt, geboren 1935, war zun\u00e4chst der radikalste Vertreter der sowjetischen Avantgarde. 1968 \u00fcberf\u00fchrte er mit seinem \u201eCredo in Jesum Christum\u201c Bachs 1. Pr\u00e4ludium aus dem \u201eWohltemperierten Klavier\u201c in die Zw\u00f6lftonmusik. Die emp\u00f6rten sowjetischen Kulturverantwortlichen untersagten weitere Auff\u00fchrungen. Auch P\u00e4rts religi\u00f6se Haltung erregte ihr Missfallen.<br \/>\nP\u00e4rt beantwortete diese Zensur mit jahrelangem, fast totalem musikalischem Schweigen. Doch gerade diese selbst auferlegte Zwangspause wurde f\u00fcr ihn zu einer Phase der Besinnung und m\u00fcndete in die Entdeckung einer neuen Einfachheit.<br \/>\nInspiriert von der Gregorianik fand er seinen eigenen Stil, den der bei den Sowjets in Ungnade Gefallene nach rd. einj\u00e4hrigem Aufenthalt in Wien vor allem in Berlin entwickelte, wo er 30 Jahre zu Hause war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im provisorischen Arvo P\u00e4rt Centre in Laulasmaa (Estland) ist sein Berliner Wohnzimmermobiliar mitsamt dem Harmonium zu sehen, das er bei der R\u00fcckkehr in die Heimat mitgenommen hatte. Dieses Archiv, 2010 von ihm und seiner Familie gegr\u00fcndet, platzt aus allen N\u00e4hten. 2018, dem 100. Geburtstag Estlands, soll nahebei der neue Bau fertig gestellt sein.<br \/>\nP\u00e4rt setzt nach seinem Motto, dass man mit einem Ton die Unendlichkeit erreichen k\u00f6nnte, auf Schlichtheit und die Fortf\u00fchrung jahrhunderte alter Musiktraditionen. Oft bildet ein einziger Dur- oder Mollakkord die Basis einer Komposition. Ganze Abschnitte entwickeln\u00a0 sich aus einem Dreiklang.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch was so bescheiden wie P\u00e4rt selbst daherkommt und Ohren und Seele wohl tut (!), ist \u2013 genau so unaufdringlich wie bei Johann Sebastian Bach \u2013 nach festen Regeln komponiert, wobei Glockenklang stets eine Rolle spielt. Sein akribisches Vorgehen zeigt ein Notenblatt (Kopie) im Arvo P\u00e4rt Centre in Laulasmaa.<br \/>\nAb 1976 entwickelte P\u00e4rt seinen \u201eTintinnabuli-Stil\u201c (Gl\u00f6ckchen-Stil), oft mit nur ein oder zwei Stimmen, die sich fortschreitend umkreisen. Auch der Klang von Estlands W\u00e4ldern und der Ostseewellen scheinen am Tonbild mitzuwirken. Probleml\u00f6sungen f\u00fcr die Zuh\u00f6rer bietet P\u00e4rt in seinen in der Regel tiefreligi\u00f6sen Werken nicht an. Aber Trost und Hoffnung.<br \/>\nEs ist eine Musik, die zum Nachdenken veranlasst und Konzentration erfordert. Erstaunlicherweise gelingt das sogar im hektischen, eher unfrommen Berlin. Im Verlauf des rd. 90-min\u00fctigen Abends wird das Publikum sp\u00fcrbar aufmerksamer, wagt kaum noch zu husten. Schon das erste Werk, das \u201eSalve Regina\u201c f\u00fcr gemischten Chor, Celesta und Streichorchester (2001\/2011), um das P\u00e4rt offensichtlich lange gerungen hat und das mit einem leisen, sehr hohen Ton endet, hat den Weg aufgezeigt.<br \/>\nDas folgende\u00a0 Adam\u2019s Lament\u201d f\u00fcr gemischten Chor und Streichorchester (2010) hatte ich vor wenigen Tagen in Tallinns Noblessner Werft geh\u00f6rt, als Teil der Welturauff\u00fchrung von \u201eAdam\u2019s Passion\u201c,\u00a0 in Szene gesetzt von Robert Wilson. Wie sehr mich jedoch diese \u201eBebilderung\u201c von der wunderbaren Musik abgelenkt hat, bemerke ich erst jetzt.<br \/>\nDie Klage Adams nach dem Aussto\u00df aus dem Paradies geht nun viel tiefer unter die Haut, zumal dieser Ur-Mensch nicht die verlorenen Freuden beweint, sondern seine S\u00fcnde, mit der er seinen geliebten Gott entt\u00e4uscht hat. In diesen Momenten sinken Stimme und Instrumente in tiefere Regionen. Als Adam erf\u00e4hrt, dass sein Sohn Kain den Abel erschlagen hat, sch\u00e4rft sich die Musik zu. Adam ahnt nun, wie sich die V\u00f6lker demn\u00e4chst morden werden.<br \/>\nMit dem \u201eCantus in memoriam Benjamin Britten\u201d f\u00fcr Streichorchester und Glocke von 1977\/1980 ist P\u00e4rt international bekannt geworden. Anders als bei den \u00fcbrigen St\u00fccken des Abends wogen die Streicher unter F\u00fchrung der Contrab\u00e4sse hin und her, als simulierten sie den Fluss des Lebens. Der hier besonders auff\u00e4llige Glockenklang l\u00e4utet den Tod des englischen Komponisten ein.<br \/>\nZuletzt das ausf\u00fchrliche \u201eTe Deum\u201c f\u00fcr drei Ch\u00f6re, Streichorchester, pr\u00e4pariertes Klavier und Tonband (Windharfe), an dem P\u00e4rt von 1985-1992 gearbeitet hat. Das Ergebnis des M\u00fchens k\u00fcndet von Demut. Nicht mit brausender Gewissheit wie bei anderen\u00a0 Komponisten kommt P\u00e4rts Hymne an die Dreifaltigkeit daher. Auch hier n\u00f6tigt er niemanden den Glauben auf, l\u00e4sst Raum f\u00fcr die Suche und beendet das St\u00fcck unerwartet leise. Die Instrumentalisten und der dreigeteilte Chor \u2013 mit hoher Aufmerksamkeit von T\u00f5nu Kaljuste geleitet \u2013 geben nochmals ihr Bestes.<br \/>\nNach kurzem Erstaunen \u00fcber diesen unspektakul\u00e4ren Schluss bricht der Jubel aus und m\u00fcndet im ausverkauften Haus in standing ovations, als Arvo P\u00e4rt auf die B\u00fchne gerufen wird. \u201eIch bin sehr bewegt,\u201c sagt er sp\u00e4ter beim Empfang. Er hat auch die Zuh\u00f6rer \u2013 inklusive des deutschen Bundespr\u00e4sidenten Joachim Gauck \u2013 sp\u00fcrbar bewegt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin\/ Konzerthaus: Hommage an ARVO P\u00c4RT, 19.05.215 Es ist ein \u201eGastgeschenk\u201c besonderer und besonders ergreifender Art: Toomas Hendrik Ilves, Pr\u00e4sident der Republik Estland, bringt anl\u00e4sslich seines Staatsbesuchs in Berlin den gr\u00f6\u00dften Komponisten seines Landes mit: Arvo P\u00e4rt. 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